ÜZ

Muskelkraft ist nicht mehr gefragt

13.04.2010
Zeitungsartikel aus der Mainpost vom 13.04.2010, Verfasser: Norbert Finster
 
 
Überlandzentrale in Lülsfeld will künftig Mädchen für Männerberufe begeistern
 
 
Wenn junge Frauen aus der Schule kommen, dann eröffnet sich für sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen in aller Regel ein weit schmaleres Spektrum an Berufen, für die es geeignete Ausbildungsplätze gibt. Obwohl die Interessenslage vielleicht eine ganz andere ist, wird's dann halt doch die Arzthelferin, die Friseurin oder die Bürokauffrau.

Die Entscheidung für einen typischen Frauenberuf geht meist einher mit geringen Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Und das, obwohl weibliche Schulabgänger im Durchschnitt den Personalchefs bessere Zeugnisse vorlegen können als männliche. Trotzdem ist die Frau in den gut bezahlten und karriereträchtigen technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen immer noch deutlich unterrepräsentiert.

Magere acht Prozent
Auch im Elektrohandwerk ist das so. Nur magere acht Prozent beträgt hier die Frauenquote, sagt die Statistik. Keine Ausnahme bildete hier bis zum vergangenen Herbst die Unterfränkische Überlandzentrale. Sie bietet zwar eine Fülle von elektrotechnischen Berufen, doch Frauen waren hier nicht zu finden.

Dahinter ist nun aber nicht eine frauenskeptische Haltung der ÜZ zu vermuten. Es waren schlicht und einfach gesetzliche Bestimmungen, die den Stromlieferanten davon abhielten, Mädchen in technischen Berufen auszubilden. „Bisher war es Bedingung, dass auf Baustellen getrennte Toiletten für Männer und Frauen vorhanden sein müssen“, nennt Doris Schneider, die den Girls' Day bei der ÜZ organisiert, einen Grund. Es war für die ÜZ einfach zu viel Aufwand, zwei Toiletten an einen Ort zu transportieren, wo vielleicht nur einen Tag gearbeitet wird.
Neuerdings gilt die Toiletten-Bestimmung erst, wenn sich die Baustelle länger als vier Wochen an einem Ort befindet. Das kommt bei der ÜZ so gut wie nie vor.

Damit ist das Eis gebrochen. Alisa Öchsner aus Dingolshausen ist die erste Frau, die bei der ÜZ zur Vermessungstechnikerin ausgebildet wird. Schon in der Schule hat sie gemerkt, dass sie gerne am Computer zeichnet. Andererseits möchte sie aber nicht den ganzen Tag am Computer sitzen, sondern ist gerne auch mal draußen. Diese Verbindung macht der Beruf des Vermessungstechnikers möglich. Alisa Öchsner hat bei der ÜZ gefunden, was sie sich gewünscht hat.

Die veränderten Arbeitsbedingungen haben die ÜZ ermutigt, künftig auch in gewerblichen Berufen wie eben Vermessungstechniker oder Elektroniker Mädchen auszubilden. Direktor Gerd Bock hofft, 2011 die ersten Mädchen mit Ausbildungsverträgen einstellen zu können. „Muskelkraft wird heutzutage weitgehend durch Wissen oder Maschinen ersetzt. Die Arbeit, die bei uns verlangt wird, kann jedes normale Mädchen schaffen“, sagt der Betriebsleiter.


Werbung beim Girls' Day
Der medizinische Eignungstest muss deswegen nicht möglichst viel Kraft, sondern farbiges Sehen und vor allem Schwindelfreiheit enthalten. Denn die Arbeiten am Verteilernetz werden meist ein ganzes Stück über der Erde verrichtet.

Nun will die ÜZ den nächsten Girls' Day am Donnerstag, 22. April, dazu nutzen, Mädchen für die Ausbildungsberufe Vermessungstechniker und Elektroniker zu begeistern. Seit sieben Jahren ist das Unternehmen bei diesem Tag extra für Mädchen als eins der wenigen in der Region dabei. Doch mehr als eine nette Geste war das bisher streng genommen nicht, denn den Weg zu einem Ausbildungsverhältnis konnte dieser Informationstag ja nicht ebnen.

Dass Mädchen an technischen Berufen interessiert sind, zeigt der Run auf die zunächst sechs Girls'-Day-Plätze bei der ÜZ. Er war so groß, dass sich Organisatorin Doris Schneider entschloss, das Kontingent auf acht zu erhöhen. Die Mädchen kommen diesmal aus Gymnasium, Real- und Hauptschule.

Optimal für die Ausbildung bei der ÜZ ist der Abschluss des M-Zweiges an der Hauptschule oder die Mittlere Reife. „Aber“, so Ausbildungsleiter Thomas Strumpf, „ohne gute Noten in Mathe und Physik geht nichts.“ Und noch etwas sagt Strumpf allen mutigen Mädchen, die in einen Männerberuf einsteigen wollen: „Sie sollten selbstbewusst sein und Schlagfertigkeit mitbringen und nicht gleich erschrecken, wenn einmal ein etwas rauerer Ton herrscht.“

Übrigens: Wer einmal einen Ausbildungsvertrag bei der ÜZ hat, kommt auch in den Genuss überbetrieblicher Ausbildung und wird bei Defiziten individuell gefördert. Und wer am Ende einen halbwegs vernünftigen Abschluss hinbringt, hat gute Chancen, in den Betrieb übernommen zu werden, in dem rekordverdächtige 16 Prozent des Personals Auszubildende sind. Außerdem gibt es Möglichkeiten zur Weiterqualifikation zum Elektrotechniker und Ingenieur – gegen die Tendenz jetzt bald auch für junge Frauen.
 

 

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