ÜZ

Solarstrom fehlt wenn er gebraucht wird

16.11.2011
Erschienen in der Mainpost am 16.11.2011, Verfasser: Norbert Finster
 
Im Winter kommt fast nichts vom Dach, im Sommer speisen die Anlagen dagegen wie wild ins Netz ein

Eine unglaubliche Entwicklung: Vorausgesetzt, die Sonne würde ununterbrochen scheinen, dann wäre die
Unterfränkische Überlandzentrale (ÜZ) schon jetzt in der Lage, den Leistungsbedarf ihrer rund 55 000
Kunden zu 100 Prozent aus den „Erträgen“ der Fotovoltaik abzudecken. Mittlerweile liefern alle 3335 Solar-
anlagen (Stand 11. November) von Dächern und Freiflächen im Versorgungsgebiet bereits so viel Energie,
dass erstmals – wenn auch nur theoretisch – eine Vollversorgung mit elektrischer Leistung möglich wäre.
 
Bei idealem Wetter wäre die Fotovoltaik sogar in der Lage, die 2010 gemessene Jahreshöchstlast von
81 494 Kilowatt bereitzustellen, denn die installierte Leistung beträgt aktuell 82 046 Kilowatt. Das berichtet
Gerd Bock, Geschäftsführender Vorstand bei ÜZ, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Doch der Haken
folgt auf dem Fuß und liegt in der Praxis: Gerade dann, wenn Höchstleistung von der ÜZ abgerufen wird, in
den Wintermonaten nämlich, kommt nichts oder so gut wie kein Strom vom Dach oder vom Feld. „Im ver-
gangenen Jahr standen die Zähler in den zwei Wochen zwischen Weihnachten und Dreikönig fast auf null“,
erinnert sich Bock.
 
Das ist das Fatale: Wenn im Sommer relativ wenig Saft aus der Steckdose gebraucht wird, dann speisen
die Fotovoltaik-Anlagen wie wild ins Leitungsnetz der ÜZ ein. Umgekehrt im Winter. Es bestünden also zwei
gegenläufige Kurven zwischen Bedarf und Leistung, wenn die ÜZ nur Solarstrom zur Verfügung hätte (siehe
Grafik). So wurden im Sommer 2011 im Versorgungsgebiet der ÜZ bereits über 30 Millionen Kilowattstunden
aus der Fotovoltaik ins vorgelagerte Hochspannungsnetz der E.ON Netz GmbH (Bayreuth) zurückgespeist,
meistens an Wochenenden im Sommer, wo noch weniger Strombedarf besteht. Angebot und Nachfrage
stehen also beim Solarstrom nicht in einem wünschenswerten Verhältnis.
 
Bald zu viel Strom?
Die ÜZ ist über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) als Netzbetreiber gesetzlich verpflichtet, allen Strom
aus Erneuerbaren Energien 20 Jahre in ihr Netz zu übernehmen. „Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt,
dann könnten wir auch beim Strom bald so etwas wie einen Milchsee oder Butterberg haben“, sagt Peter
Mahler, bei der ÜZ zuständig für die Organisation. Und das für ein Produkt, das von allen Stromkunden subven-
tioniert wird.
 
Bei der Fotovoltaik hält die Goldgräberstimmung an: 2011 ist die Zahl der Anlagen im ÜZ-Gebiet erneut um 415
Anlagen mit einer Leistung von 10 324 Kilowatt gestiegen. Um die neuen Strommengen ins Netz einspeisen zu
können, hat die ÜZ in diesem Jahr ein viertes Umspannwerk bei Heidenfeld in Betrieb genommen. Die Investi-
tionen im gesamten Bereich der Netzebene Niederspannung, Umspannung und Mittelspannung beziffert Robert
Ruppenstein, Leiter der Abteilung Vertrieb/Beschaffung, mit rund vier Millionen Euro.

 
Die aktuelle Vergütung für die Kilowattstunde Strom aus der Fotovoltaik liegt bei 28,74 Cent (bezogen auf An-
lagen mit einer Einspeisung bis zu 30 Kilowatt). Dieser Satz wird wohl im kommenden Jahr um gut vier Cent
sinken. Das ist der Grund, warum rund 400 künftige Anlagenbetreiber unbedingt noch heuer ans Netz und sich
damit den höheren Vergütungssatz für die nächsten 20 Jahre sichern wollen. Die ÜZ versucht alles, um das zu
schaffen. Die Folge: Überstunden und Urlaubssperre für die in diesem Bereich tätigen Mitarbeiter.
 
Den einen Knackpunkt ändert das alles freilich nicht: Überschüsse auf der einen Seite, Defizite auf der andern
– die Fotovoltaik wird ein problematischer Stromlieferant bleiben, solange es nicht gelingt, Strom in großen
Mengen wirtschaftlich zu speichern. Deswegen hält Gerd Bock die Förderung dieser Technik in ihrer jetzigen
Großzügigkeit nicht für angemessen. „Wenn wir uns nur auf die Fotovoltaik verlassen würden, könnte ein Tag
ohne Sonne unsere Betriebe lahmlegen“, so der ÜZ-Chef. Trotzdem wird die ÜZ nicht von ihrer Überzeugung
abrücken, dass die Erneuerbaren Energieträger die Zukunft bestimmen, auch wenn der gewünschte Umbau
langsamer vonstatten gehen wird, als es sich viele wünschen. Großkraftwerke werden deshalb in den Augen
der Lülsfelder erst einmal allein aus Gründen der Netzstabilität notwendig bleiben.

 

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